1 | Brünn: Das „mährische Manchester“

Das ehemalige Haus „Zur goldenen Kugel“ des Brünner Stadtbürgers Johann Leopold Köffiller

Die Stadt Brünn wurde einst als das österreichische oder mährische Manchester bezeichnet; und diese Bezeichnung wurde nicht nur in den Brünner Textilfabriken mit Hochachtung ausgesprochen, sondern auch außerhalb Europas und auf Industrie-Weltausstellungen. Die Wurzeln dieses berühmten Phänomens reichen in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als im Kopf eines reichen Brünners die Idee zur Gründung einer Textilmanufaktur entstand.

Johann Leopold Köffiller (1743–1814) war der Sohn eines Kaufmanns und Mitbegründers der Brünner Wechselbank in dem Haus „Zur goldenen Kugel“ am ehemaligen Großen Markt. Dank des Familienvermögens konnte er auf die Nachfrage nach fehlenden Textilprodukten flexibel reagieren, und da er viel gereist und gebildet war, wusste er auch wie. Inspiration fand er im nördlichen Rheinland, wo sich die Textilherstellung in Manufakturen entfaltet hatte, für die er auch in Brünn günstige Bedingungen vorfand – hier gab es nur eine schwache Tuchmacherzunft, die dem neuen Unternehmenstyp keine Hindernisse in den Weg stellte, und zugleich war hier ein Fluss, der die Walk- und Färberbetriebe mit Frischwasser versorgen konnte.

Der junge Unternehmer lud Fachkräfte für die Wolltuchherstellung in seine Fabrik ein, die aus Verviers, Eupen, Monschau oder Aachen kamen, mit dem Meister Johann Bartholomäus Seitter an der Spitze. 1767 wurde an der Großen Neugasse (der heutigen Straße Lidická) die erste Brünner Textilmanufaktur mit neuen Webstühlen eröffnet, die jährlich bis zu 2000 Stück feines Wolltuch produzierten.

Die erste Köffillersche Manufaktur, später Šmálka, an der Großen Neugasse, heute Lidická.  Foto  © Archiv města Brna

Johann Leopold Köffiller kümmerte sich für damalige Verhältnisse gut um seine Beschäftigten. Da viele von ihnen evangelisch waren, setzte er sich – obwohl selbst katholisch – für die Errichtung eines evangelischen Bethauses (an der heutigen Straße Husova) ein. Außerdem ließ er unmittelbar an der Manufaktur die erste Arbeiterkolonie erbauen, die sogenannte Rote Gasse. 1781, als Köffiller für seine Verdienste um die mährische Industrie in den Ritterstand erhoben wurde, war Kaiser Joseph II. hier zu Besuch.

Richard Feder

Rote Gasse mit der Arbeiterkolonie, Geburtsort von Adolf Loos. Foto © Josef Kunzfeld, Archiv města Brna

Das erfolgreich aufblühende Unternehmen litt jedoch schwer unter einer durch den Türkenkrieg verursachten Erschütterung des europäischen Marktes. Nach Köffillers Bankrott wurde die Fabrik 1792 zusammen mit der anliegenden Siedlung von einem der zugewanderten Fachleute, Heinrich Schmal, abgekauft. Nach ihm wurde dieses Gebiet Schmalgasse bzw. Šmálka genannt. 1870 wurde hier Adolf Loos geboren, der zu den Klassikern der modernen Architektur zählt. Dessen künstlerische Visionen, die er in dem Essay Ornament und Verbrechen formuliert hatte, lösten eine Revolution in dem bisherigen Architekturverständnis aus.

Die erste Brünner Textilmanufaktur musste zusammen mit der anliegenden Arbeiterkolonie später dem Bau des Hotels Passage (heute Slovan) weichen, und das Haus „Zur goldenen Kugel“ dem Palais Klein, das bis heute am Platz Náměstí Svobody steht. Dem Aufschwung der Textilindustrie sowie des damit verbundenen Maschinenbaus und der Chemie sollte aber nichts mehr im Wege stehen.

Richard Feder

An dem Ort, wo die Geschichte des „mährischen Manchesters“ begann, steht heute das Hotel Slovan. Foto © hotelslovan.cz

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