3 | Offermannhaus

Deutsche Textilunternehmer

Nach dem Bankrott der ersten Brünner Manufaktur Johann Leopold Köffillers beschlossen seine aus dem nördlichen Rheinland zugewanderten Fachleute, in ihrer neuen Heimat zu bleiben. Sie kauften ihrem Arbeitgeber einzelne Werke ab oder gründeten eigene. So arbeiteten Ende des Jahrhunderts gleich mehrere neue Textilfabriken vor den Brünner Stadtmauern, wo es den preisgünstigsten Baugrund gab. In Brünn etablierte sich für Generationen eine neue bürgerliche Elite – die Unternehmerfamilien Hopf, Bräunlich, Schmal, Biegmann, Daberger, Mundy, später auch Teuber, Soxhlet und andere. Eine beachtliche Stellung unter ihnen nahmen die Offermanns ein.

Ihr Brünner Patriarch war Johann Heinrich Offermann (1748–1793), der aus Imgenbroich bei Monschau in die Köffillersche Manufaktur gekommen war, um hier als Spinnereimeister und später Kassierer tätig zu sein. Bereits 1786 machte er sich selbstständig, indem er eine Feintuchfertigung in dem Haus „Zum großen Schuh“ errichtete, dort, wo heute das Kaufhaus Tesco steht.

Richard Feder

Haus „Zum großen Schuh“ (Reprofoto: K. k. Priv. Militär- und Feintuchfabrik J. H. Offermann in Brünn)

 

Er begann mit nur vier Webstühlen, bereits 1791 aber arbeiteten für ihn bereits an die 1300 Arbeiter. Seine Erben bauten die Fabrik weiter aus, sodass die Marke J. H. Offermann in Brünn Weltruf erlangte und ihre Produkte in aller Welt gefragt waren. Gegenüber dem Fabrikkomplex baute sich Johanns Enkel Karl Julius eine schöne Villa, und die Urenkel errichteten ein Wohnhaus unter dem Franzensberg, von wo sie über die Eisenbahn bis zu den Familienfabriken hinabblicken konnten.

Die Fabrik „J. H. Offermann in Brünn“ mit der Familienvilla an Stelle des heutigen Kaufhauses Tesco, um 1890 (Reprofoto: K. k. Priv. Militär- und Feintuchfabrik J. H. Offermann in Brünn)

Für die neue Unternehmerelite war es selbstverständlich, dass sie Mittel aus dem Tuchhandel für die Entwicklung der Stadt und der Region spendeten. So wurden beispielsweise die Offermanns zu Gönnern der parkartigen Gestaltung von Brünn. Sie finanzierten die Umgestaltung des Augartens (Lužánky) zu einem englischen Park und die Gründung des Parks Franzensberg (heute Denisovy sady). Zu den großzügigsten Förderern des Brünner öffentlichen Lebens gehörte Theodor von Offermann (1822–1892), der 1869 in Brünn den ersten öffentlichen Nahverkehr in Form einer Pferdestraßenbahn einführte. Diese Bahn verband den heutigen Platz Moravské náměstí mit Královo Pole. Besonders aus seinen Mitteln entstand dann das neue Mährische Gewerbemuseum in der Straße Husova. Bei der feierlichen Eröffnung soll er als Mitglied des Museumskuratoriums erklärt haben, dass es eine unermessliche Ehre für ihn gewesen sei, die Last der Baukosten für die Kulturstätte tragen zu dürfen, die der Ausbildung und Erhebung des gesamten mährischen Volkes dienen werde.

Viele deutsche Unternehmer verließen Brünn nach dem Zerfall der Monarchie 1918. Diejenigen, die für die Tschechoslowakei optiert hatten, waren zumeist auch in der neuen Republik erfolgreich. Im Laufe der 1930er Jahre unterlagen manche von ihnen der politischen Propaganda aus dem angrenzenden Deutschen Reich. Andere ließen sich jedoch nicht von Armeebelieferungen oder der Treuhandverwaltung jüdischer Unternehmen verlocken. Während die Schoellers beispielsweise in den Kriegsjahren zu einer gefährlich mächtigen Familie wurden, endeten die Spuren der Offermanns, die nicht vor der heranrückenden Front aus Brünn geflüchtet waren, wahrscheinlich in dem berüchtigten Brünner Todesmarsch.

Richard Feder
Richard Feder

Ansuchen Johann Heinrich Offermanns um ein Fabrikprivileg, 1786 (Reprofoto: K. k. Priv. Militär- und Feintuchfabrik J. H. Offermann in Brünn)

Nächste Station: 4 | Jüdische Textilunternehmer

Masarykova 37


Der Lehrpfad funktioniert ausschließlich mit Smartphones und Tablets.